Mit Haut und Holz

für zwei Marimbaspieler/innen

Dieses Werk baut auf Strukturen der südugandischen Amadinda-Musik auf, die mir durch die beachtenswerten Forschungsergebnisse von Gerhard Kubik zugänglich wurde.
Amadinda ist ein Holmxylophon aus 12 einreihig angeordneten, annähernd äquipentatonisch gestimmten Klangstäben, die an den Stirnseiten angeschlagen werden, wodurch 2 Musiker an einem Instrument, im gleichen Bereich spielen können, ohne einander zu behindern.
Jeder der beiden Musiker spielt eine melodische Linie in gleichmäßigen Zeitwerten, jedoch sind die beiden Linien um einen halben Zeitwert versetzt, wodurch es zu einem Ineinandergreifen (»Interlocking«) der beiden »Stimmen« kommt. Um das entsprechende Tempo für diese Spielweise zu entwickeln, bedarf es eines«Tricks«, der der europäischen Musizierpraxis gänzlich fremd ist; Beide Spieler entwickeln das Gefühl, auf betontem »Taktteil«, auf dem »Beat« zu spielen, und hören die Schläge des anderen Spielers auf unbetontem »Taktteil«, auf dem »Off-Beat« (»synkopiert«).
In der Wahrnehmung der Zuhörenden werden die einzelnen Töne nicht etwa den beiden melodischen Linien zugeordnet, wie tatsächlich von den beiden Spielern gespielt, vielmehr werden benachbarte Tonhöhen bzw. Tonwiederholungen als zusammengehörig aufgefaßt und als sogenannte »inhärenten Muster« (von meist komplexer rhythmischer Struktur) gehört.

Mit Haut und Holz stellt den Versuch dar, die Spielweise des »Interlocking« auf die Marimba zu übertragen; Ein Spieler spielt nur auf der diatonischen Reihe, der andere, gegenüberstehende Spieler spielt nur auf der pentatonischen »Halbton«-Reihe. Das Stilmittel der inhärenten Tonwiederholungen fällt somit weg. Eine neue Möglichkeit zur Entstehung inhärenter Muster wird allerdings durch den Einsatz von Membranophonen (2 knapp über den Klangstäben des hohen und tiefen Randbereiches angebrachte Rahmentrommeln) eröffnet: In die »melodischen« Linien der beiden Marimbaspieler werden Trommelschläge integriert (von den Marimbaspielern ausgeführt), die natürlich als zusammengehörig wahrgenommen werden und somit einen inhärenten Begleitrhythmus darstellen. Allerdings werden jetzt  Linien von verschiedener Länge und von verschiedenem Metrum miteinander kombiniert, wodurch es zu einer ständigen Verschiebung und Neukombination kommt. Um dennoch wahrnehmbare inhärente melodische Muster zu ermöglichen, müssen die beiden Linien eine periodische Struktur erhalten, die unabhängig von ihrem Metrum ist. Das wird erreicht durch das periodische Einstreuen (simultaner) Oktaven in ein mit kleinen Intervallen (Sekund bis Quint) gestaltetes Umfeld, da nahe benachbarte Oktaven gut aus einem (teilweise) clusterartigem Hintergrund herausgehört werden können.
Wenn ein Spieler seine Linie wechselt, pausiert er kurz, wodurch die Linie des anderen Spielers allein gehört werden kann. Durch diese immer wiederkehrenden »Solo«-Stellen erhält das Stück auch eine einfache, klare und schlüssige formale Strukturierung.

Verlegt bei der NÖ Musikedition