Reduktion

für 2 gitarrespielende Pantomimen
UA: 06. 03. 1985 in Wien durch Melitta Heinzmann und Gertrude Melounek

Das zunächst mit Tönen und Klängen gestaltete Stück wandelt sich allmählich in eine Geräusch- und letztlich in eine (z.T. stumme) Bewegungskomposition.

Zur Uraufführung verfaßte ich folgenden Text:

Auf der Spitze der Antenne eines Hochhauses läßt sich nur noch wenig aufbauen. Den jüngeren Komponistengenerationen werden auf dem Dach des Hochhauses der abendländischen Musik immer deutlicher Grenzen des Wachstums fühlbar. Die »Reduktion«, als eine Rückführung zu einer urtümlicheren Art des Musizierens, gleicht daher einer Talfahrt mit dem Fahrstuhl jenes Wolkenkratzers. Die oberen Stockwerke werden so manchem chaotisch erscheinen, erst gegen Mitte des Stücks wird das Tonmaterial, die rhythmische und harmonische Struktur so weit reduziert sein, daß wir uns durch die Dur-Moll-Tonalität bewegen.
An dieser Stelle wird vielleicht der eine oder andere Insasse dem Lift zurufen wollen »verweile doch, hier ist es schön!«, aber die Talfahrt wird weitergehen, wollen wir doch versuchen, den Boden zu erreichen, um dort entweder einen neuen Turm aufzubauen, oder, falls es uns gefällt, unten zu bleiben.
Es wird also weiter reduziert, vom Tonmaterial bleiben zunächst nur die Nebengeräusche der Klangerzeugung übrig, vom Rhythmus bleibt ein langsamer Herzschlag, so langsam, daß er uns wie der einer Urmutter, die uns noch in ihrem Leibe trägt, erscheinen muß, zunächst hörbar, dann unhörbar, aber sichtbar und fühlbar in den Bewegungen, als deren »Nebenprodukt« wir nun die Musik zu erkennen glauben.
Ob wir wohl schon den Boden erreicht haben?